Weder Mann noch Frau

Leipziger(in) kämpft für 3. Geschlecht

1,w=993,q=high,c=0_bild
Da ist zum Beispiel die Sache mit den Toiletten. Viele Jahre geht Vanja aufs Frauen-​Klo, inzwi­schen lie­ber zu den Männern. Nicht weil sich das in irgend­ei­ner Weise rich­ti­ger anfüh­len wür­de – es ist nur ein­fa­cher. „Da ist es weni­ger wahr­schein­lich, dass Leute mich anspre­chen”, sagt Vanja, 26 Jahre, aus Leipzig. Die dunk­len Haare unter der Kappe trägt Vanja kurz, in letz­ter Zeit auch einen klei­nen Bart. So geht man schlecht als Frau durch. Auch wenn die Behörden Vanja mit dem Geschlecht „weib­lich” füh­ren.

Zum Bild Leipzig Artikel:

Vanja ist inter­se­xu­ell, also zwi­schen den Geschlechtern gebo­ren, nicht Mann, nicht Frau. Als Kind trägt sie einen Mädchennamen und Mädchenkleider. Aber dar­auf hat Vanja bald kei­ne Lust mehr, hat schon im Kindergarten „so ein Grundgefühl, dass das für mich nicht stimmt”, auch wenn erst die Pubertät ihr Anderssein offen­sicht­lich macht.

Schätzungsweise 80 000 Intersexuelle gibt es in Deutschland. „Die meis­ten von ihnen erken­nen über die Zeit, dass sie mehr als Mann oder mehr als Frau leben möch­ten”, sagt Lucie Veith, Bundesvorstand des Vereins Intersexuelle Menschen. Anders bei Vanja: „Mir ist rela­tiv schnell klar gewe­sen, dass Junge auch nicht so rich­tig passt.”

Seit November 2013 sieht das Gesetz die Möglichkeit vor, die Eintragung offen zu las­sen, wenn das Geschlecht eines Neugeborenen nicht ein­deu­tig ist. Das soll auch den Druck von Eltern und Ärzten neh­men, im Zweifel mit einer Operation für Klarheit zu sor­gen, an deren Folgen etli­che Intersexuelle ein Leben lang lei­den. Noch 2014 wur­den 177 Kinder bis fünf Jahre ope­riert.

Nach Angaben der Bundesregierung haben bis Januar 2016 Eltern in etwa zwölf Fällen vor­erst auf den Eintrag ver­zich­tet, die Zahlen sind aber unzu­ver­läs­sig. Menschen wie Vanja eröff­net die Neuregelung den Weg, ihren Geschlechtseintrag noch als Erwachsene löschen zu las­sen.

Aber das will Vanja nicht. „Natürlich kann man sagen, dass das viel­leicht bes­ser ist, als einen offen­sicht­lich fal­schen Eintrag zu haben. Aber wenn die einen eine kla­re Identität bekom­men, und die ande­ren sind nichts oder unbe­stimmt, dann ist das nicht das Gleiche.”

Mit der Unterstützergruppe „Dritte Option” will Vanja des­halb errei­chen, dass in Deutschland ein „drit­tes Geschlecht” wie „inter” oder „divers” ein­ge­führt wird. Der Deutsche Ethikrat hat das (in der Variante „ande­res”) schon 2012 emp­foh­len. Vor den Gerichten ist Vanja bis­her geschei­tert, zuletzt beim Bundesgerichtshof (BGH). An die­sem Freitag will die Gruppe in Karlsruhe Verfassungsklage ein­rei­chen.

Wenn es eine Anerkennung gibt, wird sich viel­leicht auch in der Gesellschaft die Überzeugung durch­set­zen, dass die­se Menschen kei­ne Montagsproduktion des lie­ben Gottes sind”, sagt Veith, deren Verein Vanjas Forderung unter­stützt. Sie hofft auf das Verfassungsgericht, das mit meh­re­ren Entscheidungen in der Vergangenheit bereits die Situation trans­se­xu­el­ler Menschen maß­geb­lich ver­bes­sert hat.

Vanja ist klar, dass der Weg zu mehr Normalität ein sehr lan­ger ist. Im Bekleidungsgeschäft hän­gen selbst die Socken ent­we­der in der Herren- oder in der Damenabteilung. Auf dem Amt win­den sich Mitarbeiter vor Verlegenheit, weil auf dem Formular ein „m” oder ein „w” anzu­kreu­zen ist. An den guten Tagen, wenn sich alles stim­mig anfühlt, kann Vanja dar­über lachen. „Aber klar – manch­mal ist es auch ein­fach anstren­gend. Und dann macht es schon auch trau­rig.”

Besucherzaehler

Weder Mann noch Frau
Bewerte die­sen Artikel

Schreibe einen Kommentar